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Predigt zum 16. Sonntag im Jahreskreis A
19. Juli 2026
Weish 12,13.16–19, Röm 8,26–27, Mt 13,24–43
Es gilt das gesprochene Wort!
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
es gibt Augenblicke, in denen wir am liebsten sofort handeln würden.
Wir sehen, dass etwas schiefläuft.
Wir sehen Unrecht.
Wir sehen, dass ein Mensch sich falsch entwickelt.
Wir sehen Spannungen in einer Familie.
Wir erleben Konflikte in der Gesellschaft, in der Kirche, am Arbeitsplatz oder im eigenen Umfeld.
Und dann entsteht in uns dieselbe Frage, die die Knechte im Evangelium stellen:
„Sollen wir gehen und es ausreißen?“
Sollen wir jetzt eingreifen?
Sollen wir Schluss machen?
Sollen wir klare Verhältnisse schaffen?
Sollen wir diesen Menschen abschreiben?
Sollen wir diese Beziehung beenden?
Sollen wir diesen Fehler endgültig verurteilen?
Sollen wir alles beseitigen, was uns als falsch, gefährlich oder schädlich erscheint?
Die Knechte sind nicht gleichgültig. Sie sind aufmerksam. Sie sehen, dass auf dem Acker etwas nicht stimmt.
Der Herr hatte guten Samen ausgesät. Im griechischen Text steht dafür der Ausdruck kalon sperma.
Kalos bedeutet nicht nur: moralisch gut.
Es bedeutet auch:
schön,
wertvoll,
geeignet,
seinem Sinn entsprechend.
Der Same, den der Herr sät, ist nicht mangelhaft. Er ist nicht verdorben. Er ist gut. Er trägt alles in sich, was zum Leben nötig ist.
Und doch wächst auf diesem Acker auch Unkraut.
Die Knechte fragen:
„Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?“
Das ist viel mehr als eine Frage aus der Landwirtschaft.
Das ist eine der großen Fragen des Glaubens:
Wenn Gott gut ist, woher kommt dann das Böse?
Wenn Gott den Menschen gut geschaffen hat, warum gibt es dann Hass?
Wenn Gott die Liebe ist, warum gibt es Krieg?
Wenn Gott seine Kirche führt, warum gibt es dann Schuld und Versagen auch in ihr?
Wenn Gott in einem Menschen wirkt, warum bleibt dieser Mensch so widersprüchlich?
Wenn Gott uns nahe ist, warum fühlen wir uns manchmal so verlassen?
Diese Frage lautet bis heute:
Herr, hast du nicht guten Samen gesät? Woher kommt dann das Unkraut?
Der Gutsherr antwortet:
„Das hat ein Feind getan.“
Im griechischen Text steht zunächst nicht einfach „der Feind“, sondern sinngemäß: ein feindlich gesinnter Mensch.
Später deutet Jesus diesen Feind als den Teufel.
Damit sagt das Evangelium etwas sehr Wichtiges:
Das Böse gehört nicht ursprünglich zur guten Saat Gottes.
Gott hat nicht Hass und Liebe ausgesät.
Er hat nicht Wahrheit und Lüge geschaffen.
Er hat nicht das Gute und das Böse als gleichwertige Möglichkeiten nebeneinandergestellt.
Der Same Gottes ist gut.
Das Böse ist eine Gegensaat.
Es zerstört nicht dadurch, dass es selbst schöpferisch wäre. Es zerstört, indem es sich zwischen das Gute drängt, es nachahmt, verwirrt und gefährdet.
Besonders eindrücklich ist das griechische Wort für das Unkraut: zizania.
Gemeint ist wahrscheinlich der Taumellolch.
Diese Pflanze sieht in ihrer frühen Wachstumsphase dem Weizen sehr ähnlich.
Man erkennt sie nicht sofort.
Das Böse tritt selten mit einem Schild auf, auf dem steht:
„Ich bin das Böse.“
Es kommt nicht immer laut, brutal und offensichtlich.
Es kann sich sehr vernünftig anhören.
Es kann sich als Sorge ausgeben.
Es kann sich als Gerechtigkeit tarnen.
Es kann religiöse Sprache verwenden.
Es kann behaupten:
„Ich will doch nur Ordnung schaffen.“
„Ich will doch nur die Wahrheit verteidigen.“
„Ich will doch nur die Kirche schützen.“
„Ich will doch nur, dass alles richtig ist.“
Und gerade deshalb ist die Antwort des Gutsherrn so ernst.
Die Knechte fragen:
„Sollen wir gehen und es ausreißen?“
Und der Herr antwortet im griechischen Text mit einem kurzen, entschiedenen Wort:
ou
Nein.
Nicht: später vielleicht.
Nicht: überlegt es euch noch einmal.
Sondern:
Nein.
Warum?
„Damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt.“
Im griechischen Text steht hier das starke Verb ekrizo-o.
Es bedeutet:
mit der Wurzel ausreißen.
Nicht nur etwas abschneiden.
Nicht nur oberflächlich entfernen.
Sondern einen Menschen, eine Beziehung oder ein Leben an der Wurzel beschädigen.
Liebe Schwestern und Brüder,
genau das kann geschehen, wenn Menschen zu schnell urteilen.
Ein Wort kann einen Menschen an der Wurzel treffen.
Eine öffentliche Beschämung kann einen Menschen an der Wurzel verletzen.
Ein vorschnelles Urteil kann einen Jugendlichen an der Wurzel beschädigen.
Ein Satz wie
„Aus dir wird nichts“
kann Jahrzehnte im Inneren eines Menschen weiterwirken.
Ein Kind, das ständig hört, es sei schwierig, beginnt irgendwann, sich selbst so zu sehen.
Ein Mensch, der einmal schwer gefallen ist, wird für immer auf diesen Sturz festgelegt.
Ein Angehöriger, der enttäuscht hat, wird nicht mehr als ganzer Mensch wahrgenommen, sondern nur noch durch seinen Fehler.
Ein Christ, der zweifelt, wird als glaubensschwach abgestempelt.
Ein Mensch, der sich von der Kirche entfernt hat, wird innerlich bereits aufgegeben.
Dann geschieht genau das, wovor Jesus warnt:
Man will das Falsche beseitigen und reißt dabei den Menschen mit heraus.
Man will Reinheit schaffen und zerstört Leben.
Man will Ordnung herstellen und hinterlässt Verwundung.
Man will Gottes Acker schützen und vergisst, dass es Gottes Acker ist.
Der Herr sagt:
„Lasst beides wachsen bis zur Ernte.“
Im griechischen Text steht hier:
aphete synauxanesthai amphotera
Wörtlich:
„Lasst beide zusammen wachsen.“
Das kleine Wort syn bedeutet: zusammen.
Das klingt zunächst schwer erträglich.
Denn wir hätten es lieber eindeutig.
Wir hätten gerne klare Trennlinien.
Wir hätten gerne Menschen, die nur gut sind, und andere, die eindeutig falsch sind.
Wir hätten gerne eine Kirche, in der nur Weizen wächst.
Wir hätten gerne das eigene Herz klar geordnet.
Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.
In jedem Menschen gibt es gute Saat und gefährliche Entwicklungen.
In jedem Menschen gibt es Großzügigkeit und Selbstbezogenheit.
Mut und Angst.
Vertrauen und Misstrauen.
Glaube und Zweifel.
Liebe und Härte.
Auch in uns selbst ist nicht alles schon geordnet.
Auch wir sind noch nicht fertig.
Das Gleichnis sagt nicht, dass alles gleich gut ist.
Es sagt auch nicht, dass das Unkraut gepflegt werden soll.
Es sagt nicht, dass man Unrecht dulden, Opfer ungeschützt lassen oder Schuld verschweigen darf.
Es gibt Situationen, in denen klare Grenzen notwendig sind.
Es gibt Situationen, in denen Menschen geschützt werden müssen.
Es gibt Situationen, in denen die Kirche oder der Staat handeln müssen.
Aber auch dann bleibt eine Grenze bestehen:
Wir dürfen handeln, schützen und unterscheiden.
Wir dürfen aber keinen Menschen endgültig verdammen.
Denn wir sehen den Halm.
Gott sieht die Wurzel.
Wir sehen einen Augenblick.
Gott sieht die ganze Geschichte.
Wir sehen die Tat.
Gott sieht auch die Verletzung, die Angst, die Prägung, die Sehnsucht und die Möglichkeit der Umkehr.
Die erste Lesung aus dem Buch der Weisheit sagt:
„Weil du über Stärke verfügst, richtest du in Milde.“
Das ist ein erstaunlicher Satz.
Wir Menschen denken oft umgekehrt.
Wer stark ist, greift durch.
Wer Macht hat, zeigt sie.
Wer sich durchsetzen kann, muss nicht warten.
Die Heilige Schrift sagt:
Gott ist gerade deshalb milde, weil er stark ist.
Er muss seine Macht nicht beweisen.
Nur der Unsichere muss ständig zeigen, wer das Sagen hat.
Nur der Ängstliche schlägt oft sofort zu.
Nur wer um seine Stellung fürchtet, erträgt keinen Widerspruch.
Gott aber ist souverän.
Darum kann er warten.
Darum kann er schonen.
Darum kann er einem Menschen Zeit geben.
Darum ist seine Geduld kein Zeichen von Schwäche.
Sie ist Ausdruck seiner Macht.
Das Evangelium sagt:
„Lasst beides wachsen bis zur Ernte.“
Das entscheidende Wort ist: bis.
Gottes Geduld ist nicht Gleichgültigkeit.
Die Geschichte bleibt nicht endlos unentschieden.
Es kommt eine Ernte.
Es kommt ein Gericht.
Es kommt der Augenblick, in dem offenbar wird, was trägt und was zerstört.
Die Einheitsübersetzung spricht vom „Ende der Welt“.
Im griechischen Text steht jedoch synteleia aionos.
Das bedeutet genauer:
die Vollendung des Zeitalters.
Es geht nicht einfach um die Vernichtung der Erde.
Es geht um die Vollendung der Geschichte.
Gott lässt seine Schöpfung nicht ins Nichts fallen.
Er führt sie an ihr Ziel.
Er vollendet, was er begonnen hat.
Er trennt das Gute vom Bösen, ohne das Gute zu zerstören.
Das ist Gericht:
nicht die Laune eines zornigen Gottes,
sondern die endgültige Befreiung des Lebens von allem, was es vergiftet.
Am Ende heißt es:
„Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten.“
Im griechischen Text steht eklampsousin hos ho helios.
Sie werden hervorleuchten wie die Sonne.
Das Gute ist heute oft unscheinbar.
Die Menschen, die treu pflegen, werden kaum öffentlich wahrgenommen.
Die Eltern, die jahrelang geduldig ihre Kinder begleiten, bekommen keinen Applaus.
Die Menschen, die still beten, Frieden stiften, vergeben und einen anderen tragen, erscheinen in keiner Nachrichtensendung.
Das Böse ist laut.
Das Gute wächst häufig still.
Aber Christus verspricht:
Es bleibt nicht für immer verborgen.
Es wird hervorleuchten.
Jede Liebe, die niemand gesehen hat.
Jede Träne, die im Verborgenen geweint wurde.
Jede Vergebung, die Überwindung gekostet hat.
Jeder Dienst, der unbeachtet blieb.
Jedes Gebet, das nur aus einem Seufzen bestand.
All das ist in Gott bewahrt.
Dazu passt die zweite Lesung aus dem Römerbrief.
Paulus sagt:
„Der Geist nimmt sich unserer Schwachheit an.“
Im griechischen Text steht ein außergewöhnlich starkes Wort:
synantilambanetai.
Man könnte es sinngemäß so beschreiben:
Der Geist fasst unsere Last mit an.
Er steht nicht daneben und ruft uns zu:
„Du musst stärker glauben.“
„Du musst besser beten.“
„Du musst dich mehr anstrengen.“
Er greift selbst nach der Last.
Er trägt von der anderen Seite mit.
Paulus sagt:
„Wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen.“
Das ist eine große Entlastung.
Es gibt Situationen, in denen wir keine Worte haben.
Wenn ein Mensch schwer krank ist.
Wenn eine Beziehung zerbricht.
Wenn wir vor einer Entscheidung stehen und nicht wissen, was richtig ist.
Wenn wir Schuld in uns tragen.
Wenn wir über den Zustand der Welt erschrecken.
Wenn wir auf die Kirche schauen und zugleich Hoffnung und Schmerz empfinden.
Dann kann unser Gebet nur noch ein Seufzen sein.
Paulus nennt es:
stenagmois alaletois
unaussprechliche Seufzer.
Das sind keine minderwertigen Gebete.
Es sind Gebete, die tiefer reichen als Worte.
Der Geist nimmt das, was in uns sprachlos ist, und trägt es vor Gott.
Liebe Schwestern und Brüder,
das Evangelium nennt noch zwei weitere Bilder.
Das Senfkorn und den Sauerteig.
Das Senfkorn ist klein.
Das Reich Gottes beginnt oft so klein, dass man es übersehen kann.
Ein ehrliches Gespräch.
Ein versöhnlicher Anruf.
Ein Kind, das zum ersten Mal bewusst betet.
Ein Mensch, der nach vielen Jahren wieder eine Kirche betritt.
Ein Jugendlicher, der eine ernsthafte Frage nach Gott stellt.
Ein Wort der Entschuldigung.
Ein stilles Ja.
Ein kleiner Anfang.
Wir neigen dazu, das Kleine geringzuschätzen.
Doch Jesus sagt:
Schaut nicht nur auf die Größe des Anfangs.
Schaut auf die Kraft, die Gott hineingelegt hat.
Beim Sauerteig verwendet das Evangelium ebenfalls ein bemerkenswertes Wort.
Die Frau nahm den Sauerteig und verbarg ihn im Mehl.
Im Griechischen steht enekrypsen.
Sie versteckte ihn.
Das Reich Gottes wirkt im Verborgenen.
Es drängt sich nicht immer auf.
Es ist nicht immer spektakulär.
Es hat nicht immer Schlagzeilen.
Aber es durchdringt das Ganze.
Es gibt Menschen, die jahrelang treu in einer Pfarrei dienen und kaum gesehen werden.
Es gibt Menschen, die in einer Familie den Frieden zusammenhalten.
Es gibt Menschen, die im Stillen für andere beten.
Es gibt Kranke, deren geduldig getragenes Leiden mehr Liebe in die Welt bringt, als sie selbst erkennen.
Es gibt einen verborgenen Sauerteig des Reiches Gottes.
Das heißt auch:
Wir dürfen Gottes Wirken nicht nur dort suchen, wo alles groß, erfolgreich und sichtbar ist.
Christus wirkt oft dort am tiefsten, wo wir kaum etwas sehen.
Und so stellt dieser Sonntag uns eine sehr persönliche Frage:
Wo wollen wir derzeit zu schnell ausreißen?
Welchen Menschen haben wir innerlich bereits festgelegt?
Wen haben wir auf einen Fehler reduziert?
Wo sind wir mit uns selbst so hart, dass wir am liebsten einen Teil unseres Lebens ausreißen würden?
Wo sagen wir:
„So darf ich nicht sein.“
„So kann Gott mich nicht gebrauchen.“
„Mit dieser Schwäche bin ich wertlos.“
Christus sagt nicht:
Alles in dir ist gut.
Er sagt aber:
Lass mich an dir arbeiten.
Reiß dich nicht selbst an der Wurzel aus.
Vertraue darauf, dass ich unterscheiden kann.
Gib mir Zeit, das Gute in dir zu stärken.
Gib mir deine Schuld.
Gib mir deine Angst.
Gib mir deine Widersprüche.
Gib mir auch dein sprachloses Seufzen.
Denn der Vater ist geduldig.
Der Sohn hat guten Samen gesät.
Der Geist trägt deine Schwachheit mit.
Und die Geschichte deines Lebens ist noch nicht vollendet.
Die entscheidende Einladung dieses Sonntags lautet deshalb:
Sei klar im Blick auf das Böse.
Sei entschieden im Schutz des Guten.
Aber sei vorsichtig mit dem Urteil über Menschen.
Säe guten Samen.
Achte das Kleine.
Vertraue dem verborgenen Wirken Gottes.
Und überlasse die letzte Ernte dem Herrn.
Denn wir sehen den Acker von oben.
Gott kennt jede Wurzel.
Wir sehen, was heute wächst.
Gott sieht schon, was einmal hervorleuchten wird.
Und darum dürfen wir hoffen:
Der gute Same ist stärker.
Der Sauerteig wirkt.
Der Geist betet.
Und am Ende werden die Gerechten im Reich ihres Vaters leuchten wie die Sonne.
Amen.
Predigt zum 14. Sonntag im Jahreskreis A (05.07.2026)
Es gilt das gesprochene Wort.
Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt einen Satz, den man heute erstaunlich oft hört. Er lautet:
„Ich kann nicht mehr.“
Man hört ihn bei jungen Eltern, die zwischen Familie und Beruf kaum noch Luft holen. Man hört ihn bei Menschen, die einen Angehörigen pflegen. Man hört ihn bei Jugendlichen, die unter Leistungsdruck stehen. Man hört ihn bei Unternehmern, die Verantwortung tragen. Man hört ihn bei älteren Menschen, deren Kräfte nachlassen. Und manchmal sagt man ihn auch ganz leise zu sich selbst, ohne dass es jemand merkt.
„Ich kann nicht mehr.“
Dabei geht es oft gar nicht nur um körperliche Müdigkeit. Es gibt eine Müdigkeit der Seele. Man funktioniert noch, man erledigt seine Aufgaben, man lächelt nach außen – aber innerlich wird alles schwer. Sorgen, Enttäuschungen, ungelöste Konflikte, Zukunftsängste, Schuldgefühle oder der ständige Anspruch, allem gerecht werden zu müssen, legen sich wie Gewichte auf die Schultern.
Heute richtet Jesus seine Worte genau auf diese Lage.
„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch Ruhe verschaffen.“
Das ist keine billige Vertröstung. Jesus sagt nicht: „Reißt euch zusammen.“ Er sagt nicht: „Andere haben es viel schwerer.“ Er sagt auch nicht: „Wenn ihr nur stark genug glaubt, verschwinden alle Probleme.“
Nein.
Er sieht den Menschen so, wie er wirklich ist.
Jesus kennt unsere Lasten.
Und genau deshalb beginnt das Evangelium nicht mit einer Forderung, sondern mit einer Einladung.
„Kommt!“
Mich berührt dabei ein Gedanke besonders.
Jesus spricht diese Worte unmittelbar nach einer Zeit großer Enttäuschungen. Kurz zuvor hatte er Städte kritisiert, die seine Wunder erlebt hatten und dennoch nicht glaubten. Seine Botschaft wurde abgelehnt.
Man könnte erwarten, dass Jesus jetzt bitter wird oder sich zurückzieht.
Doch genau das Gegenteil geschieht.
Er blickt zum Vater auf und betet:
„Ich preise dich, Vater.“
Und unmittelbar danach wendet er sich den Menschen zu:
„Kommt alle zu mir.“
Das ist bemerkenswert.
Wer selbst Ablehnung erlebt, wird leicht hart. Wer verletzt wird, verschließt oft sein Herz.
Jesus tut das nicht.
Er bleibt offen.
Er bleibt demütig.
Er bleibt einladend.
Genau darin erfüllt sich die erste Lesung aus dem Buch Sacharja.
Der Prophet kündigt einen König an.
Doch was für einen König?
Keinen Feldherrn.
Keinen Sieger auf einem Schlachtross.
Keinen Herrscher, der seine Gegner vernichtet.
Er kommt auf einem Esel.
Für unsere Ohren klingt das beinahe unscheinbar.
Damals war das eine gewaltige Botschaft.
Ein König auf einem Schlachtross bedeutete Krieg.
Ein König auf einem Esel bedeutete Frieden.
Gott verändert die Welt nicht zuerst mit Macht.
Er verändert Herzen.
Und deshalb zieht Jesus später genau auf einem Esel in Jerusalem ein.
Er ist dieser verheißene König.
Seine Stärke besteht nicht darin, andere niederzudrücken.
Seine Stärke besteht darin, Menschen aufzurichten.
Doch dann sagt Jesus etwas, das zunächst widersprüchlich klingt:
„Nehmt mein Joch auf euch.“
Aber Moment einmal!
Hat er nicht gerade den Müden Ruhe versprochen?
Warum spricht er nun wieder von einem Joch?
Ein Joch war damals ein Holzbalken, mit dem Zugtiere eine Last gemeinsam trugen. Im Judentum war das zugleich ein Bild für die Lebensordnung, unter der ein Mensch lebt.
Jeder Mensch trägt ein Joch.
Die Frage ist nicht, ob wir eines tragen.
Die Frage lautet:
Welches?
Heute tragen viele Menschen das Joch des Perfektionismus.
Andere das Joch der Angst.
Das Joch der ständigen Erreichbarkeit.
Das Joch der Selbstoptimierung.
Das Joch, immer funktionieren zu müssen.
Das Joch fremder Erwartungen.
Das Joch alter Verletzungen.
Das Joch der Schuld.
Diese Joche machen müde.
Sie nehmen uns den Frieden.
Jesus nimmt uns nicht jede Verantwortung ab.
Aber er bietet uns ein anderes Joch an.
Sein Joch.
Und gerade dieses kleine Wort „mein“ ist entscheidend.
Jesus sagt nicht:
„Nehmt irgendein Joch.“
Er sagt:
„Nehmt mein Joch auf euch.“
Ein Joch war häufig dafür gemacht, dass zwei Zugtiere gemeinsam dieselbe Last trugen. Der stärkere führte den Weg und übernahm den größeren Teil der Last.
Was für ein wunderbares Bild!
Wenn Jesus von seinem Joch spricht, dann lädt er uns ein, an seine Seite zu treten.
Er sagt gewissermaßen:
„Lass dich mit mir unter dasselbe Joch spannen. Du musst das Leben nicht allein ziehen. Ich gehe mit dir. Ich trage mit dir. Und oft trage ich mehr, als du überhaupt ahnst.“
Das verändert alles.
Nicht die Last steht plötzlich im Mittelpunkt.
Sondern der, der mitträgt.
Darum kann Jesus sagen:
„Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“
Nicht weil das Leben leicht wäre.
Nicht weil Krankheiten verschwinden.
Nicht weil Sorgen sich einfach auflösen.
Sondern weil wir sie nicht mehr allein tragen müssen.
Ich musste dabei an eine Begebenheit denken.
Ein älterer Mann erzählte einmal von seiner Frau, die schwer krank geworden war. Viele Jahre hatte er sie gepflegt.
Jemand fragte ihn:
„War das nicht eine furchtbare Last?“
Er antwortete:
„Ja, es war schwer. Sehr schwer. Aber sie war nie eine Last für mich. Die Krankheit war schwer. Meine Frau war keine Last. Ich habe sie geliebt.“
Dieser Satz bewegt tief.
Liebe macht schwere Dinge nicht leicht.
Aber Liebe macht schwere Dinge tragbar.
Genau das meint Jesus.
Er verspricht kein bequemes Leben.
Er verspricht seine Gegenwart.
Und das verändert alles.
Auch Paulus greift diesen Gedanken in der zweiten Lesung auf.
Er spricht vom Heiligen Geist.
Der Geist Gottes wohnt im Menschen.
Christlicher Glaube bedeutet deshalb nicht, sich aus eigener Kraft zusammenzureißen.
Christlicher Glaube bedeutet, dass Gottes Kraft in unserem Leben Wohnung nimmt.
Wir müssen unser Leben nicht allein tragen.
Weil Christus mit uns geht.
Weil sein Geist in uns lebt.
Unsere Welt braucht diese Botschaft dringender denn je.
Wir erleben Kriege.
Wir erleben Polarisierung.
Viele Menschen verlieren das Vertrauen in Institutionen.
Viele suchen Orientierung.
Viele haben materiell fast alles und fühlen sich innerlich dennoch leer.
Andere kämpfen mit Einsamkeit.
Und wieder andere fragen sich:
„Wo finde ich eigentlich noch Frieden?“
Jesus gibt darauf keine politische Parole.
Er schenkt auch keine schnelle Patentlösung.
Er schenkt sich selbst.
„Kommt zu mir.“
Nicht:
„Kommt zuerst zu einer Theorie.“
Nicht:
„Kommt zuerst zu einer Ideologie.“
Nicht:
„Kommt zuerst zu euren Leistungen.“
Sondern:
„Kommt zu mir.“
Christus selbst ist der Ort des Friedens.
Liebe Schwestern und Brüder,
am Ende dieses Evangeliums bleibt eine ganz persönliche Frage.
Unter welchem Joch gehe ich eigentlich durchs Leben?
Unter dem Joch meiner Ängste?
Unter dem Joch meines Stolzes?
Unter dem Joch meiner Sorgen?
Oder unter dem Joch Christi?
Wer sein Joch auf sich nimmt, geht nie allein.
Christus steht nicht am Rand unseres Lebens und ruft uns Anweisungen zu.
Er geht an unserer Seite.
Er trägt mit.
Er richtet uns auf, wenn unsere Kräfte nachlassen.
Er hält uns, wenn wir zu fallen drohen.
Deshalb ist der christliche Glaube keine zusätzliche Last.
Er ist die befreiende Gewissheit, dass keiner seinen Lebensweg allein gehen muss.
Darum endet dieser Sonntag nicht mit einer Aufgabe, sondern mit einer Einladung.
Wenn Sie heute nach Hause gehen, nehmen Sie diese Worte Jesu mit.
Legen Sie ihm heute Abend ganz bewusst das hin, was Sie belastet.
Sagen Sie ihm ehrlich:
„Herr, das kann ich allein nicht tragen.“
Und dann hören Sie seine Antwort.
Sie gilt nicht nur den Menschen damals.
Sie gilt heute.
Sie gilt jedem von uns.
„Komm zu mir. Geh mit mir unter mein Joch. Ich gehe an deiner Seite. Ich trage mit. Und ich schenke deiner Seele Ruhe.“
Amen.
Geführte eucharistische Anbetung
14. Sonntag im Jahreskreis A – 05. Juli 2026
Herr Jesus Christus,
nun bist Du mitten unter uns gegenwärtig.
Nicht nur in unserer Erinnerung.
Nicht nur in deinem Wort.
Sondern wahrhaft gegenwärtig im heiligsten Sakrament des Altares.
Wir dürfen vor Dir sein.
Nicht weil wir vollkommen wären.
Nicht weil wir alles richtig gemacht hätten.
Sondern weil Du uns gerufen hast.
„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.“
Herr,
dieses Wort hast Du nicht nur damals gesprochen.
Du sprichst es heute.
Du sprichst es jetzt.
Du sprichst es zu jedem Einzelnen von uns.
(Stille)
Herr,
Du kennst unser Leben.
Du kennst die Freude, die wir kaum in Worte fassen können.
Du kennst aber auch die Lasten,
die niemand sieht.
Die Sorgen um Menschen, die wir lieben.
Die Angst vor der Zukunft.
Die Enttäuschungen.
Die Verletzungen.
Die Schuld, die uns belastet.
Die Fragen, auf die wir keine Antwort finden.
Die Müdigkeit unseres Herzens.
Nichts davon ist Dir verborgen.
Und dennoch blickst Du uns nicht mit Vorwürfen an.
Du schaust uns mit Liebe an.
Mit derselben Liebe, mit der Du den Zöllner angesehen hast.
Mit derselben Liebe, mit der Du Petrus nach seinem Versagen begegnet bist.
Mit derselben Liebe, mit der Du am Kreuz sogar Deinen Peinigern vergeben hast.
(Stille)
Herr,
Du sagst:
„Kommt zu mir.“
Nicht:
Löst zuerst alle Probleme.
Nicht:
Werdet zuerst bessere Menschen.
Nicht:
Beweist euch erst.
Sondern:
Kommt.
Wie gut tut dieses Wort.
Vor Dir dürfen wir einfach sein.
Ohne Maske.
Ohne Fassade.
Ohne etwas vorspielen zu müssen.
Denn Du liebst nicht das Bild, das wir von uns zeigen.
Du liebst den Menschen, den Du geschaffen hast.
(Stille)
Herr Jesus,
heute hast Du uns gesagt:
„Nehmt mein Joch auf euch.“
Das klingt zunächst schwer.
Und doch wissen wir:
Jeder Mensch trägt ein Joch.
Der eine trägt das Joch der Angst.
Der andere das Joch des Erfolgsdrucks.
Mancher trägt die Last einer Krankheit.
Andere tragen Einsamkeit.
Wieder andere schleppen Schuld mit sich herum,
die schon viele Jahre alt ist.
Herr,
wir legen Dir jetzt ganz bewusst unsere Lasten hin.
Jeder in seinem Herzen.
Alles, was uns niederdrückt.
Alles, was uns den Frieden raubt.
Alles, was wir allein nicht tragen können.
(Längere Stille)
Herr,
Du nimmst uns nicht jede Schwierigkeit sofort ab.
Aber Du versprichst:
Ich gehe mit euch.
Wie Simon von Zyrene das Kreuz mittragen durfte,
so trägst Du unser Kreuz mit uns.
Und oft merken wir erst im Rückblick,
dass wir niemals allein gegangen sind.
(Stille)
Herr Jesus,
Du hast gesagt:
„Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig.“
Unsere Welt bewundert oft Stärke.
Sie bewundert Macht.
Sie bewundert Einfluss.
Du aber offenbarst eine andere Größe.
Die Größe der Liebe.
Die Größe der Demut.
Die Größe des Dienens.
Die Größe des Kreuzes.
Schenke auch uns ein Herz,
das nicht härter,
sondern liebevoller wird.
Ein Herz,
das vergeben kann.
Ein Herz,
das zuhören kann.
Ein Herz,
das Frieden stiftet.
Ein Herz,
das Dir ähnlicher wird.
(Stille)
Herr,
wir denken jetzt an Menschen,
die besonders schwer tragen müssen.
An Kranke.
An Sterbende.
An Trauernde.
An Einsame.
An Menschen,
die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen.
An Christen,
die wegen ihres Glaubens verfolgt werden.
An alle,
die unter Krieg,
Hass,
Terror,
Ungerechtigkeit
oder Unterdrückung leiden.
Sei Du ihre Hoffnung.
Sei Du ihre Kraft.
Sei Du ihr Friede.
(Stille)
Herr Jesus,
Du wohnst jetzt in unseren Herzen.
Dein Heiliger Geist möchte unser Denken,
unser Reden
und unser Handeln verwandeln.
Heile,
was verwundet ist.
Stärke,
was schwach geworden ist.
Ordne,
was ungeordnet ist.
Erleuchte,
was dunkel geworden ist.
Und entzünde neu die Freude des Glaubens.
Gebet um innere Heilung
(in Anlehnung an die geistliche Schule von Prof. Tomislav Ivančić)
Herr Jesus Christus,
Du bist der Arzt unserer Seele.
Du siehst die Wunden,
die kein Mensch kennt.
Du kennst Erinnerungen,
die uns bis heute schmerzen.
Du kennst Worte,
die verletzt haben.
Du kennst Ängste,
die unser Leben bestimmen wollen.
Du kennst Schuld,
die wir uns selbst kaum vergeben können.
Wir öffnen Dir jetzt unser Herz.
Komm mit Deinem heilenden Licht.
Dort,
wo Bitterkeit wohnt,
schenke Versöhnung.
Dort,
wo Angst herrscht,
schenke Vertrauen.
Dort,
wo Hoffnungslosigkeit eingezogen ist,
schenke neue Zuversicht.
Dort,
wo wir uns von Dir entfernt haben,
führe uns zurück in Deine Nähe.
Heile unser Herz,
damit wir frei werden,
Dich zu lieben,
unseren Mitmenschen zu lieben
und auch uns selbst mit Deinen Augen anzunehmen.
Denn wo Du gegenwärtig bist,
beginnt neues Leben.
(Längere Stille)
Herr Jesus,
wir danken Dir.
Du bist der Friedenskönig,
den der Prophet Sacharja verheißen hat.
Du bist der gute Hirte.
Du bist der Sohn des lebendigen Gottes.
Du bist unser Erlöser.
Dir vertrauen wir unser Leben an.
Unsere Vergangenheit.
Unsere Gegenwart.
Unsere Zukunft.
Bleibe bei uns.
Lass uns nie von Dir getrennt werden.
Und wenn wir diese Kirche verlassen,
dann lass uns Menschen sein,
die etwas von Deinem Frieden,
Deiner Wahrheit,
Deiner Demut
und Deiner Liebe in diese Welt tragen.
Denn Du allein bist unsere Hoffnung.
Dir sei Lob und Anbetung,
heute und in Ewigkeit.
Amen.
Predigt zum 13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)
2 Kön 4,8–16a | Röm 6,3–4.8–11 | Mt 10,37–42
Es gilt das gesprochene Wort.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
stellen Sie sich folgende Szene vor:
Ein erfolgreicher Geschäftsmann blickt am Ende seines Lebens zurück. Er hat Karriere gemacht, Häuser gebaut, viel Geld verdient. Seine Kinder sind gut versorgt. Er hat viele Termine eingehalten, viele Ziele erreicht. Doch als ihn jemand fragt: „Was war eigentlich das Wichtigste in Ihrem Leben?“, schweigt er lange. Schließlich sagt er: „Heute frage ich mich nicht mehr, was ich erreicht habe. Ich frage mich nur noch, ob ich wirklich das gelebt habe, wofür ich von Gott gedacht war.“
Diese Frage stellt uns das heutige Evangelium.
Was ist das Wichtigste in meinem Leben?
Nicht: Was ist dringend?
Nicht: Was beschäftigt mich am meisten?
Sondern: Was trägt mein Leben wirklich?
Jesus spricht heute Worte, die auf den ersten Blick beinahe erschrecken:
„Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.“
Man könnte meinen: Will Jesus Familien auseinanderbringen? Will er die Liebe zwischen Eltern und Kindern kleinreden?
Nein.
Jesus ist schließlich derselbe, der das Gebot gegeben hat:
„Du sollst Vater und Mutter ehren.“
Er ist derselbe, der am Kreuz seine Mutter dem Jünger Johannes anvertraut.
Es geht also um etwas anderes.
Jesus spricht von der Ordnung der Liebe.
Es gibt einen Unterschied zwischen einer großen Liebe und der größten Liebe.
Alles, was wir lieben – Ehepartner, Kinder, Eltern, Freunde, Beruf –, ist gut und wertvoll. Aber wenn etwas den Platz Gottes einnimmt, beginnt es uns zu beherrschen.
Denn kein Mensch kann letztlich das tragen, was nur Gott tragen kann.
Wenn Eltern ihr ganzes Glück ausschließlich auf ihre Kinder setzen, geraten die Kinder unter einen Druck, den sie nie erfüllen können.
Wenn ein Ehepartner vom anderen erwartet, alle Sehnsüchte zu erfüllen, wird die Beziehung irgendwann überfordert.
Wenn Erfolg zur höchsten Priorität wird, verliert man irgendwann sich selbst.
Jesus nimmt uns die Menschen nicht weg.
Er schenkt uns vielmehr die Freiheit, sie richtig zu lieben.
Denn wer Gott an die erste Stelle setzt, liebt die Menschen oft sogar tiefer und selbstloser.
Genau das sehen wir schon in der ersten Lesung.
Da ist diese Frau aus Schunem.
Sie begegnet dem Propheten Elischa.
Sie erkennt etwas, was andere offenbar übersehen:
„Dieser Mann ist ein heiliger Gottesmann.“
Sie baut ihm kein Schloss.
Kein luxuriöses Gästehaus.
Nur ein kleines Zimmer.
Ein Bett.
Einen Tisch.
Einen Stuhl.
Einen Leuchter.
Eigentlich nichts Besonderes.
Und doch verändert genau diese kleine Gastfreundschaft ihr ganzes Leben.
Denn Gott lässt sich niemals an Großzügigkeit übertreffen.
Die kinderlose Frau empfängt einen Sohn.
Nicht weil sie eine Gegenleistung verdient hätte.
Sondern weil dort, wo Gott aufgenommen wird, neues Leben entsteht.
Auch Jesus spricht heute vom Aufnehmen.
„Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf.“
Das ist eine erstaunliche Aussage.
Jesus sagt nicht:
„Denkt gelegentlich an mich.“
Er sagt:
„Wenn ihr einem Menschen begegnet, der zu mir gehört, dann begegnet ihr mir.“
Das verändert unseren Blick auf andere Menschen.
Gerade in diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, wie oft Priester, die ja vom Bischof und somit letztlich von Gott in die Gemeinden gesandt werden, Anfeindungen erfahren – auch und gerade in Schweizer Gemeinden. Viele Priester berichten, dass sie sich mit Skepsis, Ablehnung oder sogar offenen Anfeindungen konfrontiert sehen, obwohl sie im Auftrag der Kirche und im Namen Christi handeln.
Diese Erfahrungen zeigen, wie herausfordernd und bedeutsam es ist, Jesu Einladung zum echten Aufnehmen und zur Gastfreundschaft auch heute zu leben.
Christus begegnet uns nicht nur in der Monstranz.
Nicht nur im Tabernakel.
Nicht nur in der Heiligen Kommunion.
Er begegnet uns auch im Menschen.
Denn: „Was du dem Geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan.“
Im Kranken.
Im Einsamen.
Im Fremden.
Im Suchenden.
Im Glaubenden.
Im Kind.
Im alten Menschen.
Im Nachbarn.
Im Menschen, der unsere Hilfe braucht.
Und dann fügt Jesus einen Satz hinzu, der tief berührt:
„Wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt ... wird seinen Lohn gewiss nicht verlieren.“
Einen Becher Wasser.
Nicht irgendetwas Grosses.
Nicht eine spektakuläre Heldentat.
Nicht eine millionenschwere Spende.
Ein Becher Wasser.
Jesus zeigt uns damit:
Im Reich Gottes zählt jede Kleinigkeit als bedeutend.
Ein freundliches Wort.
Ein Besuch.
Ein Anruf.
Ein Gebet.
Ein ehrliches Zuhören.
Eine ausgestreckte Hand.
Eine Umarmung.
Ein Mensch, der sich Zeit nimmt.
All das kann Gottes Liebe sichtbar machen.
Doch mitten zwischen diesen tröstlichen Worten spricht Jesus plötzlich vom Kreuz.
„Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert.“
Auch hier denken viele sofort:
„Jeder hat eben sein Kreuz.“
Krankheit.
Sorgen.
Probleme.
Natürlich gehören diese Dinge dazu.
Aber Jesus meint zunächst etwas Tieferes.
Zur Zeit Jesu war das Kreuz kein religiöses Symbol.
Es war das grausamste Hinrichtungsinstrument des Römischen Reiches.
Wer sein Kreuz trug, hatte alles verloren:
Ansehen.
Sicherheit.
Kontrolle.
Jesus sagt also:
Folge mir nicht nur dann, wenn alles gut läuft.
Bleib bei mir auch dann, wenn der Glaube unbequem wird.
Wenn andere über deinen Glauben lachen.
Wenn Ehrlichkeit Nachteile bringt.
Wenn Vergebung schwerfällt.
Wenn Liebe Opfer kostet.
Gerade dort beginnt echte Nachfolge.
Und dann kommt der Satz, der das ganze Evangelium zusammenfasst:
„Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“
Unsere Welt sagt:
Halte alles fest.
Sichere dich ab.
Verwirkliche dich.
Denk zuerst an dich.
Jesus sagt:
Gerade wer alles festhalten will, verliert das Entscheidende.
Schauen wir einmal auf unsere Hände.
Machen Sie innerlich eine Faust.
Eine Faust kann nichts empfangen.
Sie hält fest.
Sie klammert.
Sie schützt.
Aber sie bleibt leer.
Öffnen Sie nun die Hand.
Jetzt kann sie schenken.
Jetzt kann sie empfangen.
Genau darum geht es im Evangelium.
Ein verschlossenes Herz kann Gott nicht aufnehmen.
Ein offenes Herz schon.
Die zweite Lesung aus dem Römerbrief geht sogar noch einen Schritt weiter.
Paulus spricht von der Taufe.
Wir wurden mit Christus begraben.
Und wir sind mit ihm auferstanden.
Das bedeutet:
Unser Christsein beginnt nicht erst irgendwann, wenn wir besonders fromm geworden sind.
Es hat mit der Taufe begonnen.
Seit diesem Tag gehört unser Leben Christus.
Wir leben nicht mehr nur aus eigener Kraft.
Der Auferstandene lebt in uns.
Deshalb dürfen wir auch in schweren Zeiten hoffen.
Nicht weil wir stark wären.
Sondern weil Christus stärker ist als alles, was uns Angst macht.
Stärker als Schuld.
Stärker als Einsamkeit.
Stärker als Krankheit.
Ja sogar stärker als der Tod.
Liebe Schwestern und Brüder,
am Ende bleibt eine einfache Frage.
Die Frau aus Schunem richtete in ihrem Haus ein kleines Zimmer für Gott ein.
Fragen wir uns: Wo gibt es in meinem Leben einen solchen Raum?
Nicht nur im Kalender.
Nicht nur am Sonntag.
Sondern im Herzen.
Hat Christus dort wirklich den ersten Platz?
Oder wird er zwischen Terminen, Verpflichtungen und Sorgen irgendwo dazwischengeschoben?
Jesus fordert heute keine perfekte Leistung.
Er sucht ein offenes Herz.
Ein Herz, das sagt:
Herr, ich möchte, dass Du in meinem Leben zu Hause bist und die Führung übernimmst. Leite mich mit Deinem Geist, damit ich offen und vertrauensvoll auf Dich höre. Sei Du der Mittelpunkt meines Herzens und lass mich Deine Wege erkennen und gehen.
Denn dort, wo Christus aufgenommen wird,
entsteht neues Leben.
Dort wächst Hoffnung.
Dort wird Liebe frei.
Und dann entdeckt der Mensch schließlich das, wonach er sich sein ganzes Leben gesehnt hat.
Amen.
Predigt für den 12. Sonntag im Jahreskreis A (21. Juni 2026)
Es gilt das gesprochene Wort.
Liebe Schwestern und Brüder,
es gibt Sätze Jesu, die wir sofort verstehen – und gerade deshalb manchmal zu schnell überhören.
Heute hören wir einen solchen Satz gleich dreimal:
„Fürchtet euch nicht!“
Wer ehrlich lebt, weiß: Das ist leichter gesagt als getan.
Viele Menschen tragen Ängste in sich.
Die Angst vor Krankheit.
Die Angst vor der Zukunft.
Die Angst vor dem Versagen.
Die Angst, nicht mehr dazuzugehören.
Und eine Angst ist besonders stark geworden: die Angst, sich öffentlich zu zeigen, wie man wirklich ist.
Viele sagen heute:
„Glauben darf man schon – aber bitte privat.“
„Beten darf man – aber bitte nicht sichtbar.“
„Christ sein darf man – aber bitte ohne darüber zu sprechen.“
Genau in diese Situation hinein spricht Jesus:
„Fürchtet euch nicht vor den Menschen.“
Jesus macht dabei keine Illusionen.
Er sagt nicht:
„Alle werden euch verstehen.“
Er sagt nicht:
„Wenn ihr glaubt, werdet ihr beliebt sein.“
Er sagt nicht:
„Es wird keine Konflikte geben.“
Im Gegenteil.
Er weiß, dass seine Jünger Widerstand erleben werden.
Er weiß, dass Menschen ausgelacht, missverstanden oder ausgegrenzt werden können.
Und trotzdem sagt er:
„Fürchtet euch nicht.“
Warum?
Weil die Angst niemals das letzte Wort haben darf.
Die erste Lesung aus dem Buch Jeremia zeigt uns genau das.
Jeremia erlebt Verleumdung und Ablehnung.
Sogar seine Freunde warten darauf, dass er scheitert.
Er steht fast allein da.
Und doch sagt er:
„Der Herr steht mir bei wie ein gewaltiger Held.“
Jeremia entdeckt:
Die entscheidende Frage ist nicht, wie viele Menschen hinter mir stehen.
Die entscheidende Frage ist:
Steht Gott hinter mir?
Wenn Gott mit mir geht, bin ich niemals allein.
Am vergangenen Sonntag konnte man etwas Interessantes beobachten.
Der Fussballspieler Felix Nmecha bekannte sich mehrfach öffentlich zu seinem christlichen Glauben.
Nach Toren zeigte er auf den Himmel.
Er machte das Kreuzzeichen.
In Interviews sprach er offen über Jesus Christus.
Nun könnte man sagen:
„Das sind doch nur kleine Gesten.“
Aber in einer Welt, in der viele ihren Glauben lieber verschweigen, sind solche Gesten alles andere als selbstverständlich.
Man stelle sich vor:
Ein volles Stadion.
Zehntausende Zuschauer im Stadion und hunderte Millionen an den Fernsehgeräten zu Hause.
Soziale Medien.
Kommentatoren.
Und mitten in dieser Öffentlichkeit sagt einer:
„Mein Leben gehört Christus.“
Das braucht Mut.
Denn jeder weiß:
Sobald man öffentlich über den Glauben spricht, gibt es Zustimmung – aber auch Kritik.
Gerade deshalb ist ein solches Zeugnis wertvoll.
Nicht weil Nmecha perfekt wäre.
Nicht weil Fussball heilig wäre.
Sondern weil sichtbar wird:
Man kann Christ sein, ohne sich zu verstecken.
Man kann erfolgreich sein, ohne den Erfolg zu vergötzen.
Man kann Leistung bringen und trotzdem wissen:
Mein Wert hängt nicht von Toren, Punkten oder Erfolgen ab.
Mein Wert kommt von Gott.
Das passt erstaunlich gut zum heutigen Evangelium.
Jesus spricht von den Spatzen.
Zwei Spatzen waren damals fast wertlos.
Die billigste Ware auf dem Markt.
Und doch sagt Jesus:
„Keiner von ihnen fällt zur Erde ohne euren Vater.“
Und dann folgt einer der schönsten Sätze des Evangeliums:
„Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt.“
Jesus sagt damit:
Du bist Gott nicht egal.
Du bist keine Nummer.
Kein Zufall.
Kein austauschbares Wesen in einer riesigen Masse.
Gott kennt dich.
Gott sieht dich.
Gott vergisst dich nicht.
Die Welt bewertet Menschen nach Leistung.
Gott bewertet Menschen nach Liebe.
Die Welt fragt:
„Was hast du erreicht?“
Gott fragt:
„Lässt du dich von mir lieben?“
Die Welt sagt:
„Beweise deinen Wert!“
Gott sagt:
„Du bist wertvoll, weil du mein Kind bist.“
Genau hier berührt uns die zweite Lesung.
Paulus spricht von Adam und Christus.
Adam steht für die alte Menschheit.
Für die Welt der Angst.
Für die Welt des Misstrauens.
Für die Welt, in der der Tod regiert.
Christus eröffnet eine neue Wirklichkeit.
Eine Wirklichkeit der Gnade.
Eine Wirklichkeit der Hoffnung.
Eine Wirklichkeit, in der die Angst nicht mehr herrscht.
Das bedeutet nicht, dass Christen keine Angst mehr kennen.
Auch die Apostel hatten Angst.
Auch Jeremia hatte Angst.
Auch viele Heilige hatten Angst.
Der Unterschied besteht darin:
Sie ließen sich nicht von der Angst regieren.
Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.
Mut bedeutet, Gott mehr zu vertrauen als der Angst.
Gerade heute braucht unsere Gesellschaft solche Menschen.
Menschen, die nicht jede Meinung mitmachen müssen.
Menschen, die nicht ständig nach Zustimmung suchen.
Menschen, die wissen, wofür sie stehen.
Menschen, die ihre Würde nicht aus Likes beziehen.
Menschen, die Christus nicht verstecken.
Unsere Kinder brauchen solche Vorbilder.
Unsere Jugendlichen brauchen solche Vorbilder.
Unsere Gemeinden brauchen solche Vorbilder.
Die Welt braucht Christen, die nicht laut oder aggressiv sind.
Aber sichtbar.
Nicht überheblich.
Aber glaubwürdig.
Nicht fanatisch.
Aber überzeugt.
Am Ende sagt Jesus:
„Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen.“
Das ist kein Aufruf zu religiöser Selbstdarstellung.
Jesus verlangt keine großen Bühnen.
Nicht jeder steht in einem Stadion.
Nicht jeder spricht vor Kameras.
Die meisten Zeugnisse geschehen viel stiller.
Wenn jemand vor dem Essen betet.
Wenn jemand einen Kranken besucht.
Wenn jemand seinen Glauben nicht verleugnet.
Wenn jemand für die Wahrheit einsteht.
Wenn jemand vergibt.
Wenn jemand Hoffnung ausstrahlt, obwohl das Leben schwer geworden ist.
Dort beginnt das Bekenntnis.
Dort wird das Evangelium sichtbar.
Dort wird Christus gegenwärtig.
Liebe Schwestern und Brüder,
die Angst wird nie ganz verschwinden.
Aber sie muss nicht unser Herr sein.
Unser Herr ist Christus.
Der Auferstandene.
Der Sieger über Sünde und Tod.
Der Herr, der jeden Spatzen sieht.
Der jedes Haar kennt.
Der jeden Menschen beim Namen ruft.
Darum dürfen wir heute mit Jeremia sagen:
„Der Herr steht mir bei wie ein gewaltiger Held.“
Und darum dürfen wir Jesu Wort mit nach Hause nehmen:
„Fürchtet euch nicht.“
Amen.
Geführte eucharistische Anbetung
13. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr A)
Nach der Heiligen Kommunion vor dem ausgesetzten Allerheiligsten
Herr Jesus Christus,
wir sind eben an Deinen Tisch gekommen.
Du hast Dich uns geschenkt.
Nicht nur ein Zeichen.
Nicht nur eine Erinnerung.
Sondern Dich selbst.
Nun dürfen wir vor Dir verweilen.
Vor Dir,
dem lebendigen Herrn.
Du bist wirklich gegenwärtig.
Du schaust jeden von uns an.
Nicht flüchtig.
Nicht oberflächlich.
Sondern mit jener Liebe,
die uns seit Ewigkeit kennt.
(Pause)
Herr,
im Evangelium hast Du heute gesagt:
„Wer mich aufnimmt…“
Jetzt wird uns bewusst:
Wir haben Dich aufgenommen.
Du bist in unser Herz eingekehrt.
Wie einst die Frau aus Schunem dem Propheten Elischa ein Zimmer bereitete,
so hast Du heute in unserem Inneren Wohnung genommen.
Aber wir spüren auch:
Nicht jeder Raum unseres Herzens ist hell.
Nicht jede Tür steht offen.
Manches haben wir verschlossen.
Aus Angst.
Aus Enttäuschung.
Aus Verletzungen.
Aus Scham.
Oder weil wir meinen,
alles selbst tragen zu müssen.
(Pause)
Jesus,
Du drängst Dich niemals auf.
Du wartest.
Du klopfst an.
Und heute fragst Du leise:
Darf ich auch diese Räume betreten?
Die Räume unserer Sorgen.
Die Räume unserer Erinnerungen.
Die Räume unserer Einsamkeit.
Die Räume unserer Schuld.
Die Räume unserer ungeheilten Wunden.
(Pause)
Herr,
Du bist gekommen,
nicht um uns zu verurteilen,
sondern um uns heil zu machen.
Du kennst jede Verletzung unseres Lebens.
Jedes harte Wort,
das wir nie vergessen konnten.
Jede Zurückweisung.
Jede Angst.
Jede Enttäuschung.
Jede Last,
die wir seit Jahren mit uns tragen.
Du kennst auch jene Wunden,
über die wir mit niemandem sprechen.
(Pause)
Jesus,
wir legen sie jetzt vor Dich.
Leise.
Ohne viele Worte.
Du weißt bereits,
worum es geht.
(Schweigen)
Herr,
lass Dein Licht in diese Dunkelheit hineinfallen.
Dort,
wo Bitterkeit wohnt,
schenke Versöhnung.
Wo Angst unser Herz eng gemacht hat,
schenke Vertrauen.
Wo Schuld uns gefangen hält,
schenke Vergebung.
Wo Hoffnung gestorben ist,
lass neues Leben entstehen.
Denn Du bist der Auferstandene.
Du bist stärker als jede Vergangenheit.
Stärker als jede Verletzung.
Stärker als jede Sünde.
Stärker als der Tod.
(Pause)
Herr,
Paulus hat uns heute gesagt:
„Wir wurden mit Christus begraben, damit wir als neue Menschen leben.“
Wie oft leben wir dennoch,
als wären wir noch Gefangene unserer Vergangenheit.
Als hätten unsere Fehler das letzte Wort.
Als müssten wir uns selbst erlösen.
Doch heute sagst Du uns:
Du bist nicht mehr derselbe Mensch wie gestern.
Du bist mein Kind.
Du bist erlöst.
Du bist geliebt.
Du bist gerufen,
neu anzufangen.
(Pause)
Jesus,
befreie uns
von allem,
was uns innerlich bindet.
Von falschen Abhängigkeiten.
Von ungeordneten Bindungen.
Von der Angst,
Menschen mehr gefallen zu müssen als Dir.
Von der Furcht,
uns zu unserem Glauben zu bekennen.
Von dem Wunsch,
immer Recht behalten zu müssen.
Von Stolz.
Von Selbstgenügsamkeit.
Von Resignation.
Mach unser Herz frei.
Ganz frei.
Damit Du wirklich der Herr unseres Lebens sein kannst.
(Pause)
Herr,
Du hast heute gesagt:
„Wer sein Leben verliert um meinetwillen,
wird es gewinnen.“
Diese Worte widersprechen allem,
was unsere Welt uns einredet.
Und doch erfahren wir immer wieder:
Wer nur an sich denkt,
wird innerlich arm.
Wer aber liebt,
wer schenkt,
wer dient,
wer vergibt,
wer vertraut,
der wird reich.
Nicht an Besitz.
Sondern an Leben.
Schenke uns den Mut,
uns immer wieder Dir anzuvertrauen.
Auch dann,
wenn wir den Weg noch nicht verstehen.
Denn Deine Wege führen niemals ins Leere.
Sie führen immer zum Leben.
(Pause)
Herr Jesus,
Du hast heute sogar vom kleinen Becher Wasser gesprochen.
Wie klein erscheint diese Geste.
Und doch sieht sie der Himmel.
Lehre auch uns,
die kleinen Gelegenheiten der Liebe nicht zu übersehen.
Ein freundliches Wort.
Ein Besuch.
Ein Anruf.
Ein Lächeln.
Ein Gebet.
Eine helfende Hand.
Vielleicht verändern sie nicht die ganze Welt.
Aber sie verändern die Welt eines Menschen.
Und damit beginnt Dein Reich.
(Pause)
Herr,
wir bitten Dich heute besonders
für alle,
deren Glaube schwach geworden ist.
Für jene,
die Dich aus den Augen verloren haben.
Für Menschen,
die meinen,
ohne Dich glücklicher zu werden.
Berühre ihre Herzen.
Zeige ihnen Deine Liebe.
Schenke ihnen die Freude,
Dich wiederzufinden.
(Pause)
Wir bitten Dich auch
für unsere Pfarrei.
Mache sie zu einem Ort,
an dem Menschen Dich aufnehmen können.
Zu einem Ort,
an dem Wahrheit verkündet wird.
An dem Hoffnung wächst.
An dem Sünder Vergebung erfahren.
An dem Suchende Heimat finden.
An dem Menschen spüren:
Hier lebt Christus.
(Pause)
Herr Jesus Christus,
wir schauen jetzt noch einmal auf Dich.
Still.
Einfach.
Ohne viele Worte.
Denn manchmal genügt Deine Gegenwart.
Bleibe bei uns.
Wenn wir nach Hause gehen.
Wenn der Alltag beginnt.
Wenn Sorgen zurückkehren.
Wenn Entscheidungen anstehen.
Wenn wir müde werden.
Erinnere uns daran,
dass Du in unserer Taufe unser Leben mit Deinem Leben verbunden hast.
Und dass Du auch heute zu jedem von uns sprichst:
„Fürchte dich nicht.
Ich bin bei dir.
Folge mir.
Ich führe dich zum Leben.“
(Pause)
Herr Jesus,
wir vertrauen Dir unser ganzes Leben an.
Unsere Vergangenheit.
Unsere Gegenwart.
Unsere Zukunft.
Unser Herz.
Unsere Familien.
Unsere Pfarrei.
Unsere Kirche.
Unsere Welt.
Bleibe bei uns.
Denn ohne Dich können wir nichts vollbringen.
Mit Dir aber dürfen wir voll Hoffnung in die Zukunft gehen.
Amen.
Eucharistische Anbetung
12. Sonntag im Jahreskreis A
Nach der Kommunion vor dem ausgesetzten Allerheiligsten
Herr Jesus Christus,
wir sind vor Dir.
Nicht vor einer Idee.
Nicht vor einer Erinnerung.
Nicht vor einem Symbol.
Wir sind vor Dir.
Du bist gegenwärtig.
Still.
Verborgen.
Demütig.
Du schaust uns an.
Du kennst jeden Menschen, der heute hier ist.
Du kennst die Geschichten, die niemand kennt.
Die Tränen, die niemand sieht.
Die Fragen, die niemand beantworten kann.
Und Du bleibst.
(Stille)
Herr Jesus,
im Evangelium haben wir gehört:
„Fürchtet euch nicht.“
Jetzt, in Deiner Gegenwart,
dürfen wir alles loslassen,
was unser Herz schwer macht.
Nicht weil die Probleme verschwunden wären.
Sondern weil Du da bist.
Weil Du größer bist als unsere Sorgen.
Weil Dein Herz stärker ist als unsere Angst.
(Stille)
Jesus,
manche von uns sind müde geworden.
Müde vom Kämpfen.
Müde vom Funktionieren.
Müde vom Starksein.
Wir legen unsere Müdigkeit in Deine Hände.
Du hast gesagt:
„Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid.“
So kommen wir jetzt.
Nicht mit Masken.
Nicht mit Rollen.
Sondern so, wie wir sind.
(Stille)
Herr Jesus Christus,
Du bist das Brot des Lebens.
Du kommst nicht nur zu unseren Gedanken.
Du kommst zu unserem Herzen.
Du kommst in unsere Wunden.
Du kommst in die Räume unseres Lebens,
die wir oft verschlossen halten.
Heute öffnen wir sie vor Dir.
(Stille)
Jesus,
wir bitten Dich um Heilung.
Heile die Erinnerungen,
die uns immer noch schmerzen.
Heile die Worte,
die uns verletzt haben.
Heile die Enttäuschungen,
die wir mit uns tragen.
Heile die Angst,
nicht zu genügen.
Heile die Schuld,
die uns belastet.
Heile den Frieden,
der in uns verloren gegangen ist.
Du bist der Herr des Lebens.
Du bist gekommen,
damit wir Leben haben
und es in Fülle haben.
(Stille)
Herr Jesus Christus,
nach den Worten von Tomislav Ivančić beten wir:
Herr,
durchdringe mit Deinem Licht
jene Bereiche unseres Lebens,
die dunkel geworden sind.
Berühre mit Deiner Liebe,
was verhärtet ist.
Berühre mit Deiner Wahrheit,
was verwundet ist.
Berühre mit Deiner Gegenwart,
was einsam geworden ist.
Lass Deine heilende Kraft
durch Geist, Seele und Leib fließen.
Was zerbrochen ist,
führe zusammen.
Was krank ist,
berühre mit Deinem Frieden.
Was unruhig ist,
lasse in Dir Ruhe finden.
(Stille)
Jesus,
manche tragen heute einen Menschen im Herzen.
Einen Kranken.
Einen Verstorbenen.
Ein Kind.
Einen Ehepartner.
Einen Freund.
Einen Menschen,
um den sie sich Sorgen machen.
Lass uns diesen Menschen jetzt still vor Dich hinlegen.
Du kennst seinen Namen.
Du kennst seinen Weg.
Du liebst ihn noch mehr,
als wir ihn lieben können.
(Längere Stille)
Herr,
wir schauen auf die Hostie.
So klein.
So unscheinbar.
Und doch bist Du hier.
Der Auferstandene.
Der Sieger über den Tod.
Der Herr der Welt.
Der Freund der Menschen.
Der Gute Hirte.
Der Heiland.
Du bist da.
Und das genügt.
(Stille)
Jesus,
lehre uns neu zu vertrauen.
Wenn wir die Zukunft nicht kennen.
Wenn Wege unklar sind.
Wenn Entscheidungen schwerfallen.
Wenn unser Glaube klein geworden ist.
Lass uns erfahren,
dass wir von Deiner Hand gehalten werden.
Dass wir nicht verloren gehen.
Dass wir getragen sind.
(Stille)
Herr Jesus Christus,
wir danken Dir.
Für Deine Nähe.
Für Deine Geduld.
Für Deine Barmherzigkeit.
Für Dein eucharistisches Herz.
Für die Liebe,
mit der Du uns anschaust.
Wir müssen uns Deine Liebe nicht verdienen.
Wir dürfen sie empfangen.
Einfach empfangen.
(Stille)
Bleibe bei uns, Herr.
Wenn wir nach Hause gehen.
Wenn der Alltag wieder beginnt.
Wenn Freude kommt.
Wenn Sorgen kommen.
Bleibe bei uns.
Lass uns nie vergessen:
Wir gehören Dir.
Und Du gehörst uns.
Denn Du bist der Herr unseres Lebens,
heute,
morgen
und in Ewigkeit.
Amen.
Predigt zum 11. Sonntag im Jahreskreis A; 14.06.2026
Christus heilt tiefer, als wir denken
Es gilt das gesprochene Wort.
Liebe Schwestern und Brüder,
wenn Menschen das Wort „Heilung“ hören, denken sie fast automatisch an Krankheit.
An Medikamente.
An Operationen.
An Ärzte.
An Krankenhäuser.
Und wir sind dankbar dafür.
Denn Gott wirkt auch durch Ärzte, Pflegekräfte und alle Menschen, die Kranken helfen.
Doch wenn wir das heutige Evangelium hören, merken wir schnell: Jesus spricht von einer Heilung, die noch tiefer reicht.
Als Jesus die Menschen sieht, sieht er nicht zuerst ihre Krankheiten.
Matthäus sagt:
„Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben.“
Jesus sieht nicht zuerst eine medizinische Diagnose.
Er sieht Menschen.
Er sieht ihre Müdigkeit.
Ihre Orientierungslosigkeit.
Ihre innere Erschöpfung.
Ihre Sehnsucht.
Und wenn wir ehrlich sind, kennen wir das.
Man kann äußerlich gesund sein und innerlich verletzt.
Man kann erfolgreich sein und trotzdem keinen Frieden finden.
Man kann von Menschen umgeben sein und sich dennoch einsam fühlen.
Man kann alles haben und trotzdem spüren, dass etwas fehlt.
Jesus erkennt diese tieferen Wunden.
Und genau deshalb beginnt seine Heilung tiefer, als wir oft denken.
Die Welt, in der wir leben, bietet für fast alles eine Lösung an.
Für Schmerzen gibt es Medikamente.
Für Probleme gibt es Berater.
Für Unsicherheit gibt es unzählige Ratgeber.
Und vieles davon ist hilfreich.
Aber keine Technik der Welt kann einem Menschen Frieden schenken, der von Bitterkeit erfüllt ist.
Keine App kann Versöhnung schenken.
Kein Medikament kann Hass in Liebe verwandeln.
Kein Computerprogramm kann einem Menschen Hoffnung geben, wenn er den Sinn seines Lebens verloren hat.
Darum spricht das Evangelium von einer Heilung des Herzens.
Jesus heilt Menschen nicht nur von außen.
Er heilt sie von innen.
Das sehen wir überall in den Evangelien.
Wenn Jesus einem Sünder begegnet, beginnt er nicht mit einer Verurteilung.
Wenn Jesus dem Zöllner Zachäus begegnet, verändert sich dessen Herz.
Wenn Jesus der Ehebrecherin begegnet, richtet er sie auf.
Wenn Jesus Petrus nach dessen Verrat begegnet, schenkt er ihm einen Neuanfang.
Das größte Wunder Jesu besteht oft nicht darin, dass ein Blinder sehen kann.
Das größte Wunder besteht darin, dass ein Mensch neu lieben kann.
Dass ein Mensch vergeben kann.
Dass ein Mensch Hoffnung findet.
Dass ein Mensch Gott wieder vertraut.
Genau davon spricht auch Paulus in der zweiten Lesung.
Er spricht zur Gemeinde:
„Christus ist für uns gestorben, als wir noch Sünder waren.“
Das ist das Erstaunliche am christlichen Glauben.
Gott wartet nicht, bis wir vollkommen sind.
Er liebt uns zuerst.
Er kommt uns entgegen.
Er sucht den Menschen nicht dann auf, wenn dieser alles im Griff hat.
Er sucht ihn gerade dann, wenn er schwach ist.
Wenn er gefallen ist.
Wenn er sich verlaufen hat.
Wenn er nicht mehr weiterweiß.
Die Heilung beginnt dort, wo ein Mensch zulässt, dass Christus ihn berührt.
Viele Menschen tragen heute Verletzungen mit sich herum.
Manchmal stammen sie aus der Kindheit.
Manchmal aus zerbrochenen Beziehungen.
Manchmal aus Enttäuschungen.
Manchmal aus eigenen Fehlern.
Und nicht selten tragen Menschen einen Groll jahrelang mit sich herum.
Von außen sieht niemand etwas.
Aber innerlich arbeitet diese Wunde weiter.
Sie nimmt Freude.
Sie nimmt Freiheit.
Sie nimmt Frieden.
Darum spricht Jesus so oft von Vergebung. Besonders deutlich wird dies im göttlichen Gebet, dem „Vaterunser“. Dort heißt es: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Diese Worte zeigen, dass Vergebung nicht nur ein Wunsch Gottes ist, sondern eine zentrale Voraussetzung für inneren Frieden und Freiheit.
Wer um Vergebung bittet, wird gleichzeitig eingeladen, selbst zu vergeben. So entsteht ein Kreislauf der Heilung:
Wir öffnen uns für Gottes Barmherzigkeit und geben sie weiter an andere. Das „Vaterunser“ sagt uns, dass Vergebung nicht nur unsere Beziehung zu Gott, sondern auch zu unseren Mitmenschen heilt.
Es ist eine Einladung, die Ketten von Schuld und Groll zu lösen und einen neuen, versöhnten Weg zu gehen.
Nicht weil Vergebung leicht wäre.
Sondern weil Vergebung heilt.
Wer vergibt, entschuldigt nicht das Böse.
Aber er löst die Ketten, mit denen er selbst an das Böse gebunden bleibt.
Darum sind die Worte Jesu nicht bloß Gebote.
Sie sind Heilmittel.
Wenn Jesus sagt:
„Vergib.“
Dann will er nicht etwas von uns.
Dann will er etwas für uns.
Und genau hier berührt das Evangelium unseren Alltag.
Die meisten von uns werden heute nicht ausgesandt, um spektakuläre Wunder zu wirken.
Die meisten von uns werden morgen wieder zur Arbeit gehen.
Zur Schule.
Zur Familie.
Zu den gewohnten Aufgaben.
Aber genau dort beginnt die Sendung Jesu.
Ein aufrichtiges Gespräch kann heilen.
Eine Versöhnung kann heilen.
Ein Besuch bei einem einsamen Menschen kann heilen.
Ein Wort der Ermutigung kann heilen.
Ein Gebet kann heilen.
Jesus sendet keine Superhelden.
Er sendet Menschen.
Menschen, die selbst erfahren haben, dass Gott sie liebt.
Menschen, die wissen, dass auch sie Vergebung brauchen.
Menschen, die gelernt haben, sich von Christus heilen zu lassen.
Im Evangelium sagt Jesus:
„Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter.“
Oft denken wir dabei an Priester oder Ordensleute.
Doch Jesus meint mehr.
Er meint alle, die bereit sind, sein Erbarmen in die Welt hineinzutragen.
Unsere Zeit braucht solche Menschen dringend.
Menschen, die zuhören.
• die Hoffnung schenken.
• die nicht sofort urteilen.
• die Frieden stiften.
• die mit den Augen Jesu sehen.
Liebe Schwestern und Brüder,
am Anfang des Evangeliums sieht Jesus die erschöpften Menschen.
Am Ende sendet er seine Jünger.
Dazwischen steht das Erbarmen.
Wer sich von Christus anschauen lässt, wird verändert.
Wer sich von Christus heilen lässt, kann anderen Heilung bringen.
Wer seine Liebe empfängt, kann sie weitergeben.
Darum lautet die Frage dieses Sonntags nicht zuerst:
„Welche Krankheit soll Jesus heilen?“
Sondern:
„Welchen Bereich meines Herzens möchte ich Christus heute anvertrauen?“
Wo brauche ich Versöhnung?
Wo brauche ich Vergebung?
Wo brauche ich einen Neuanfang?
Denn Christus heilt tiefer, als wir denken.
Er heilt nicht nur den Körper.
Er heilt den Menschen.
Und wer sich von ihm heilen lässt, beginnt wirklich zu leben.
Amen.
Seit Februar 2021 bin ich Pfarrer in der Pfarrei Hergiswil am See, Nidwalden (NW).
Stephan Schonhardt, Dorfplatz 15, CH-6052 Hergiswil am See
Sekretariat: +41 (0) 41 632 42 22
Direkt: +41 (0) 41 632 42 25
Deutschland: Stephan Schonhardt, Postfach 1101, D-79803 Dogern
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